Im Gymnasium endet die Kreidezeit

Interaktive Whiteboards lösen klassische Schultafeln ab – Multimedia hält Einzug!
Die ersten neun Elektronik-Tafeln sind geliefert. Lehrer und Schüler müssen sich umgewöhnen.

Vorbei sind die Zeiten, als sich beim Geräusch quietschender Kreide die Nackenhaare aufrichteten. Der Schülerstreit um den Tafeldienst im Klassenraum ist ebenfalls Geschichte. Und die guten alten Schwämme, die als Reinigungsgerät und Wurfgeschoss schon so manche Lehrergeneration überstanden haben, braucht auch niemand mehr. Die Botschaft, die Rolf Teske den Lehrern mitgebracht hat, lässt keine Zweifel aufkommen: „Wenn Sie wollen, können Sie Ihre Tafeln als Erinnerung an das letzte Jahrhundert gerne behalten.” Aber als Unterrichtsmedium haben die dunkelgrünen Schreibplatten seiner Meinung nach ausgedient. Der Berliner war am Dienstag im Nordenhamer  Gymnasium als Trainer zu Gast, um 13 Lehrern den Umgang mit der Schultafel der Zukunft zu vermitteln. Die Rede ist vom interaktiven Whiteboard.

Bilder auf Knopfdruck 

Die elektronischen Tafeln verwandeln die herkömmliche Paukerei in ein digitales Multimedia-Ereignis. Die Lehrer können ihre Vorträge mit Bildern, Filmen und Internetsequenzen bereichern, die sie per Knopfdruck auf die weiße Melaminschicht zaubern.

 

Wie von Geisterhand verwandelt der angeschlossene Computer mit einem Spezialstift auf die Wand gemalte Schriftzüge in Druckbuchstaben, deren Schriftart, Farbe und Größe der Pädagoge nach Lust und Laune variieren kann. Und wenn dem Chemie-Pauker das Zeichnen von langen Polysaccharid-Ketten zu mühsam ist, dann ruft er einfach die zuvor gespeicherten Vorlagen mit einem Tastenklick ab. Wahlweise können die Unterrichtsunterlagen auf der Festplatte des mitgelieferten Laptops verewigt oder von dem Lehrer mit einem mitgebrachten Datenstick eingespeist werden.

 

Natürlich erfordert der Quantensprung von der Kreidezeit in die hochtechnisierte Multimedia-Ära einen Schulungsaufwand. Daher drückten gestern die Whiteboard-Pioniere des Nordenhamer Gymnasiums - darunter Schulleiter Klaus-Dieter Laske - die Schulbank im Computerraum. Ihr Trainer Rolf Teske erläuterte Schritt für Schritt den Umgang mit der Zukunftstechnologie, die in anderen Ländern schon weitverbreitet ist und nach seiner Einschätzung „eine ganz neue Pädagogik” in die Schulen bringt.

Dass die computergesteuerte Interaktivität mitunter aber auch an Grenzen stößt, erlebte die Lehrerin Tina Beermann bei einem Selbstversuch. Als sie „Guten Morgen” mit dem Stift auf das Whiteboard schrieb und gespannt auf die angekündigte Umwandlung ihrer Handschrift wartete, überraschte sie der Computer mit der eigenwilligen Übersetzung „hinten Mirijam”. Da fragte sich so mancher staunende Kollege, zu welcher Art von Eigendynamik die Whiteboard-Maschine wohl noch fähig sein mag. Aber Trainer Teske beruhigte die Gemüter mit einem Hinweis auf die unsaubere Handschrift. Er klickte die Radiergummi-Funktion an und löschte „Mirijam” ruckzuck von der Oberfläche.

Saubere Formen

Selbstverständlich beherrscht die Whiteboard-Software auch die Formensprache. Wenn der Mathe-Lehrer ein krakeliges Rechteck oder einen geierten Kreis malt, greift der Computer ein und bringt die Gebilde in die richtige Kontur. Dass sich die einzelnen Darstellungen auf der Tafel mühelos verschieben, kopieren, speichern und austauschen lassen, ist schon eine Selbstverständlichkeit. Aber ganz lautlos geht das nicht vor sich. Anstelle des Kreidequietschens erklingt das Klicken und Kratzen des Kunststoffstiftes.

 

Die Anschaffung der neun interaktiven Whiteboard-Systeme, zu denen jeweils auch Laptop und Beamer gehören, hat das Gymnasium dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung zu verdanken. Von den 252 000 Euro, die dem Landkreis Wesermarsch aus diesem Fördertopf für neue Unterrichtsmedien zur Verfügung standen, gingen 34 000 Euro an das Nordenhamer Gymnasium . Dort sind 72 Lehrer tätig. Schulleiter Klaus-Dieter Laske hält bis auf weiteres den parallelen Einsatz der bisherigen Kreidetafeln für unverzichtbar, weil für eine komplette Ausstattung mit interaktiven Whiteboards das Geld fehlt.

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Am 10.12.2009 von M. Schmid verfasst.